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Denali
Teil 2
Teil 2:
Alaska
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Unser Alaska-Reisebericht 2000 ist in zwei Teile aufgeteilt. Teil 1 enthält die eigentliche Berg-Expedition, und Teil 2 enthält unsere darauffolgende Reise durch Alaska. Dasselbe gilt für die dazugehörigen praktischen Hinweise.
Kurzzusammenfassung - Berge
Denali (Mt. McKinley)6193 m
(West Buttress; Kahiltna Gletscher - Gipfel in 9 Tagen)

Denali (Mt. McKinley), Alaska (6193 m)

12. Mai - 11. Juni 2000

Claudia Bäumler und Hartmut Bielefeldt

Teil 1: Expedition zum Denali, 12. - 29. Mai 2000


Verfasser dieses Textes: Hartmut Bielefeldt

Freitag, 12. Mai 2000

Flug Frankfurt - Las Vegas - Seattle - Anchorage
Nach elf Stunden Flugzeit landen wir um 14 Uhr Ortszeit in Las Vegas - das erkennt man hauptsächlich daran, dass drumherum nur Wüste ist und überall im Flughafen Spielautomaten herumstehen. Um 19 Uhr geht's weiter nach Seattle; beeindruckend der Mount Rainier, der die ganze Gegend dominiert. Von dort geht es um 22 Uhr endlich auf die letzte Etappe, die nach langem Flug durch viel unbewohnte, verschneite Landschaft um 1 Uhr Ortszeit in Anchorage zu Ende ist. Gegen zwei Uhr ist dieser 31-Stunden-Tag endlich im Hostel vorbei.

Samstag, 13. Mai 2000

Anchorage
Der Samstag dient zum Einkauf der restlichen Lebensmittel für unsere Zeit am Berg, der allgemeinen Orientierung und der Kompensation der 10 Stunden Jet-Lag. Im Supermarkt stellen wir ziemlich schnell zwei Probleme fest: Erstens gibt es kaum etwas in Mengen, die für einen Reisenden geeignet wären. Aber was wollen wir denn mit 24 Dosen Cola? Nur weil die (im Gesamtpreis!) billiger sind als 12? Viele Dinge gibt es einfach nicht kleiner als pfundweise. Problem Nummer zwei sind die Preise hier in Alaska. Obst und Gemüse sind natürlich der Spitzenreiter mit absolut astronomischen Zahlen, aber auch ziemlich normale Lebensmittel sind teurer als 1:1, die Dollar-Preise sind also meist höher als das, was wir zuhause in DM gewohnt sind.
Das Wetter ist sonnig, wenn auch relativ frisch, tagsüber 10-13°C. Die Vegetation hier in Alaska scheint etwa so weit zu sein wie bei uns vor zwei Monaten. Da ich gegen Birke allergisch bin, komme ich hier aus dem Niesen gar nicht mehr heraus.
Anchorage ist sehr weitläufig gebaut, und bis zu dem, was sich Zentrum nennen könnte, sind wir zu Fuss über eine Stunde unterwegs. Überall erscheinen die schneebedeckten Berge sehr nah und geben der Stadt einen interessanten Charakter. Vom kleinen Resolution Park sieht man über den Meeresarm in Richtung Aleutian Range (die westliche Fortsetzung der Alaska Range). Der fünfzig Kilometer entfernte Mount Susitna erscheint fast zum Greifen nah; die Dreitausender weiter weg sind in einen milchigen Dunst gehüllt.

Sonntag, 14. Mai 2000

Anchorage
Im Hostel haben wir uns Fahrräder geliehen, um uns noch ein bisschen die Gegend anzusehen. Leider ist es heute bewölkt, es nieselt leicht. Wie schon erwähnt ist Anchorage sehr flächig angelegt. Eigentlich besteht der Großteil der Stadt nur aus einzelnen Häusern, die verstreut im Wald stehen. Die Hauptstraßen folgen meist dem quadratischen Vermessungsnetz im Abstand von einer Meile, ohne Rücksicht auf irgendwelche natürliche Topographie, die vielleicht diesem Gitter nicht brav folgt.
Es gibt übrigens nicht nur Elch-Warnschilder, sondern tatsächlich - sozusagen mitten in der Stadt - auch Elche, die auf dem Radweg stehen und an Bäumen und Büschen knabbern.
Unser Ziel heute sind die ersten Berge um Anchorage. Als wir uns auf knapp 700 m an die Grenze des Chugach State Park hinaufgekämpft haben, erwartet uns dort leichter Schneefall. Trotzdem ist die Aussicht vom View Point Glen Alps auf Anchorage ganz interessant. Der Weg auf den Flattop Mountain, den wir uns eigentlich vorgenommen hatten, ist natürlich noch zu, und die Schneemassen lassen es mit einfachen Trekkingschuhen auch nicht ratsam erscheinen. Der Parkplatz am Beginn des Weges - knapp innerhalb des Parks gelegen - kostet übrigens üppige $5 pro Tag.

Montag, 15. Mai 2000

Anchorage - Talkeetna - Basislager (Bus/Flug)
Pünktlich morgens um halb acht ist der Kleinbus da, der uns nach Talkeetna bringen wird. Bis alle Fahrgäste und auch deren Gepäck im Stadtgebiet eingesammelt sind, dauert es ein Stündchen. Die Straße ist bis zur Abzweigung des Glenn Highway vierspurig, und im ersten Teil ist der Verkehr beträchtlich. Erstaunlich, weil man fast immer nur Wald um sich herum sieht. Bei genauerer Betrachtung liegen aber entlang der ganzen Strecke bis Wasilla lose Streusiedlungen. Vom Ort Willow beispielsweise ist von der Straße aus gar nichts zu sehen.
Talkeetna liegt am Ende einer 14 Meilen langen Stichstraße. Obwohl gerademal auf hundert Meter überm Meer gelegen, findet man in den Ecken noch Schnee. Mit der Alaska Talkeetna Lodge auf dem Hügel über dem Ort ist hier offensichtlich auch der Massentourismus der dicken Geldbörsen eingezogen.
Die Registrierung in der Ranger-Station ist nach einer Dreiviertelstunde erledigt, und dann geht's gegen drei Uhr ans Fliegen. Sitze werden ausgebaut und umgeklappt, das Gepäck vom Piloten nach Gewicht sortiert im Flugzeug verstaut, und schließlich kommen wir zwei auch noch an Bord. Der Flug führt durch die breite, sumpfige Flussniederung des Susitna-Tals. Jetzt liegt hier noch Schnee, aber nach der Schneeschmelze ist dort sicher kein Durchkommen mehr. Nach einigen Hügeln, zwischen denen schon die Zungen der langen Talgletscher liegen, wird die Berglandschaft bald dramatischer. Leider ist es auch heute bewölkt, so dass man nach oben hin nicht viel sieht. Der Pilot bricht den Anflug auf den vernebelten Pass dann auch ab und fliegt weiter außen herum, an Bergen vorbei, die Trolle und Krone heißen und entsprechend eindrucksvoll emporragen. Die Entstehung der Bergkette bekommen wir nebenbei auch noch erklärt. Nach einer guten halben Stunde landen wir im Basislager auf dem Southeast Fork Kahiltna Glacier auf 2200 m Höhe. Dort werden wir gleich von Basislagerchefin Annie empfangen, die uns unseren Brennstoff und die Schlitten ausgibt. Als Lagerplatz finden wir ein schon vorhandenes 1 m tiefes Loch, das wir nur noch seitlich etwas erweitern müssen, und schon passt das Zelt rein, vor eventuellen Unwettern gut geschützt.
Den Nachmittag ist es bewölkt mit ein paar Sonnenstrahlen, später zieht es sich wieder zu und schneit hier und da ein bisschen. Es ist aber nicht allzu kalt, in der Sonne sogar ziemlich warm.
Das Beladen des Flugzeugs ist eine Wissenschaft fuer sich.
Das Beladen des Flugzeugs ist eine Wissenschaft für sich.

Dienstag, 16. Mai 2000

Basislager - Ski Hill

Morgen im Basislager, im Hintergrund der Mount Hunter.
Morgen im Basislager, im Hintergrund der Mount Hunter.

Der lange Weg ueber den Kahiltna-Gletscher
Der lange Weg über den Kahiltna-Gletscher

Keine Wolken am Himmel - jetzt sehen wir endlich die ganze Szenerie um uns herum. Wirkt alles sehr arktisch, unter uns der riesige Kahiltna-Gletscher, drumherum heftig vergletscherte Berggestalten mit aberwitzigen Wächtengraten. Besonders der Mount Hunter direkt über dem Basislager macht einen äußerst abweisenden Eindruck.
Unser Weg für heute ist dagegen zumindest technisch so einfach, wie er nur sein kann. Um viertel nach neun sind wir mit dem Verpacken der ganzen Ausrüstung fertig und gehen den Seitengletscher runter zum Hauptstrom des Kahiltna-Gletschers. Das Gehen mit angehängtem Schlitten ist besonders bergab sehr gewöhnungsbedürftig. Bis zum "Medical Camp" auf 4300 m, das man typischerweise in 5 Tagen erreicht, muss man aber viel Kleidung sowie Essen und Brennstoff für - je nach Wetter - vielleicht auch eine längere Zeit mitnehmen. Mit dem Essen für drei Wochen, zwei Zelten und natürlich den wärmstmöglichen Klamotten für ganz oben kommen schon 40 kg für jeden zusammen.
Zum Glück ist der Weiterweg bis unter den Ski Hill ausgesprochen flach, so dass der Schlitten sich gut ziehen läßt. Allerdings macht man so auf 12 km nur 400 Höhenmeter. Immerhin gibt's eine schöne Aussicht aufs Windy Corner und die Gegend oberhalb des Medical Camp.
Am Ski Hill steilt es sich etwas auf, und man merkt das Gewicht von Rucksack und Schlitten umso mehr. Nach einer Stunde Steigung ist es uns genug, auf 2600 m schlagen wir unser Lager auf. Das Schneemäuerchen ist nach einer Stunde fertig.
Im Lauf des Tages hat es sich etwas bewölkt, teils von oben, teils eine Wolkenschicht von unten aus dem Tal. Die Sonne scheint aber mehr oder weniger noch durch, und besonders am Nachmittag wird es unbarmherzig heiß auf dem Gletscher. Später werden die Wolken dichter, ein recht eigenartiger Nebel, der ein paar Flocken zu Boden taumeln läßt.

Mittwoch, 17. Mai 2000

Ski Hill - Lager 11000'
Heute wird es schneller warm als gestern, dafür ist das Wetter nicht so schön. Eine zähe, nebelartige Wolkendecke läßt uns oft gerade mal hundert Meter weit sehen. Zum Glück ist der Weg gut markiert und ohne Neuschnee auch so kaum zu verfehlen.
Der Rest des Ski Hill ist schnell erledigt, dann geht es wieder ewig weit flach ins Tal hinein. Nach vier Stunden - von einem amerikanischen Bergführer lasse ich mir erklären, dass wir auf Höhe des Kahiltna Pass sind, sehen tut man nämlich gar nichts - wird es endlich steiler. Der "Motorcycle Hill" hat es mit dem Schlitten ganz schön in sich. Auch wenn er nur 200 Meter hoch ist.
Mittlerweile gibt es wieder mehr Sicht, wir kommen von Zeit zu Zeit aus der Nebelsuppe heraus. Das Lager 11000' liegt hinter einem Rücken auf 3350 m, man sieht die riesige West Buttress, unter der wir morgen für unseren ersten Materialtransport nach rechts zum Windy Corner queren werden. Die Bezeichnung des Lagers leitet sich mangels anderer benannter Geländemerkmale aus der Höhe von 11000 Fuß ab.
Der Lageraufbau dauert heute länger als gestern; erstens sollten die Schneemauern auf größerer Höhe solider sein, und zweitens ist der Schnee hier etwas schlechter.
Morgen geht es ohne Ski und Schlitten weiter. Weiter oben kommen einige Querungen, in denen ein in Falllinie wie ein nasser Sack herunterhängender 20 kg-Schlitten dem Gehkomfort wenig zuträglich sein dürfte. Für die Ski ist es wohl auch zu verblasen, zumindest nach der Schilderung der Rangers am Montag. Und die Ski haben ja auch ein nicht unbeträchtliches Eigengewicht.
Immerhin sollte es jetzt langsam mal richtig bergauf gehen, die öde Schlepperei durchs lange Tal ist hier zuende.
Auf 3350 m ist es schon deutlich kälter als unten, abends um acht sind es -13°C. Und das ist hier sozusagen noch mitten am Tag - wann die Sonne untergeht, haben wir wegen der Wolken noch nicht feststellen können. Nachts wird es aber nicht richtig dunkel, das Dunkelste ist etwa so, dass man gerade nicht mehr lesen könnte.

Donnerstag, 18. Mai 2000

Lager 11000' - Depot auf 3700 m - Lager 11000'
Seit gestern abend kommen immer mehr Windböen auf, die Schnee ans Zelt schleudern. Zwischendurch schneit es zeitweise. Heute morgen schaut die Sonne milchig vom Himmel, es ist nicht allzu kalt (-15°C), aber der Wind ist sehr störend.
Da das auch die meisten anderen Gruppen machen, brechen wir am Vormittag zu unserem ersten Lastentransport auf. Bald wird der Wind stärker, und von der Sonne ist auch nicht mehr viel zu sehen, genausowenig wie von unserer Umgebung. Auf 3700 m erstellen wir ein Depot im Windschatten eines Schneegrates und kehren um; hoffentlich ist morgen das Wetter wieder besser. Beim Herunterlaufen sieht man durch den Schnee, der von hinten gleich auf der Brille festfriert, kaum mehr die Route.

Freitag, 19. Mai 2000

Lager 11000' - Windy Corner - Medical Camp und zurück
Tatsächlich, es geht doch. Morgens ist es sonnig und windstill. Nach anderthalb Stunden (mit leerem Rucksack) haben wir unser gestriges Depot wieder erreicht, laden uns den Inhalt auf und marschieren weiter aufwärts zum berühmten Windy Corner. Das ist eine dem Wind meist stark ausgesetzte Gletscherterrasse, die um den Felspfeiler der West Buttress herum den Zugang von der West- auf die Südseite des Berges vermittelt. Freundlicherweise ist es hier heute eher heiß als windig.
Der Weiterweg steigt erst durch spaltiges Gelände an und quert nach Erreichen der großen Gletscherterrasse nach rechts zum "Medical Camp" auf 4350 m. Es heißt so, weil hier während der Saison Ranger stationiert sind und eine Erste-Hilfe-Station vorhanden ist. Sechs Stunden sind fürs erste Mal keine so schlechte Zeit.
Mittlerweile hat es sich wieder mal zugezogen, Schneefall und Wind setzen ein. Wir deponieren unsere Lasten mehr oder weniger vorschriftsgemäß und machen uns auf den Rückweg, bevor das Wetter vielleicht wieder so "gemütlich" wird wie gestern. In den 70 Minuten bis zum Lager bleibt es aber akzeptabel, man sieht sogar mehr als drei Markierungsstöckchen weit.

Samstag, 20. Mai 2000

Ruhetag in Lager 11000'
Heute morgen schneit es immer noch, immer wieder mit Windböen. Da wir uns von vorgestern noch erinnern können, wie es da weiter oben aussieht, schlafen wir bis Mittag aus und verbringen den Rest des Tages mit Warten auf Sonntag.
Lager 11000 liegt unterhalb der West Buttress.
Lager 11000 liegt unterhalb der West Buttress.
Blick talwaerts, der Berg links ist der Kahiltna Dome.
Blick talwärts, der Berg links ist der Kahiltna Dome.

Sonntag, 21. Mai 2000

Lager 11000' - Windy Corner - Medical Camp
Kurz vor dem Windy Corner
Kurz vor dem Windy Corner

Nachdem sich gestern das Wetter noch gebessert hat (aber leider zu spät, um noch loszugehen), stehen wir heute morgen um acht auf und packen alles zusammen. Kleiner Schönheitsfehler dieses Lagers: Die Sonne kommt erst um viertel zehn; draußen sind es -20°, allerdings bei wolkenlosem Himmel und Windstille.
Trotz der Sonne dauert es eine ganze Zeitlang, bis wieder alle Gliedmaßen ansprechbar sind. Dann aber wird es schnell brütend heiß.
Heute haben wir doch einen unserer beiden Schlitten mitgenommen, denn wir müssen alles, was wir nicht gerade im Lager 11000' vergraben und deponieren, in unsere neue Heimat Medical Camp bringen. Immerhin gelingt uns das in 6 1/2 Stunden. Für tausend Höhenmeter keine Rekordzeit, aber in Anbetracht der Höhe und des Gepäcks sind wir damit gut zufrieden.
Im Medical Camp treffen wir den Rosenheimer Florian wieder, den wir schon auf dem Hinweg kennengelernt hatten, und seinen alaskanischen Kameraden. So gibt's auch gleich Hilfe beim Mäuerle bauen.
Bei dem schönen Wetter kann man auf dem Weg auch etwas die Augen schweifen lassen und - neben der Aussicht - so allerhand verschiedenartige Leute sehen:
  • Wolkenschlepper (rennen dreimal mit Riesenrucksack die Strecke von Lager zu Lager, weil sie sich wohl für ein paar Monate einrichten wollen. Sind auch oft mit viel zu viel völlig unnötigem Material ausgerüstet.)
  • unheimliche Raser (die die Strecke in drei Stunden machen)
  • Technik-Spezialisten (die nach jeder Rast den Schlitten zweimal komplett umräumen müssen, weil die Zugleine sich verfangen hat)
  • erfolgreiche und weniger erfolgreiche Skialpinisten
  • die allseits beliebten "Lemminge" (treten in großer Zahl hinter einem "Bergführer" genannten Wesen auf, tun meist exakt was dieser sagt und haben ein Gespür dafür, strategisch wichtige Eng- und Steilstrecken hoffnungslos zu verstopfen. Sind auch an der für alle Gruppenmitglieder identischen Ausrüstung zu erkennen.)
Unser Abendessenmenü muß heute eine erste Änderung erfahren: Thunfisch gibt's nicht, die Dose ist steinhart gefroren. Mit dem halben Pfund Käse kann man auch bestenfalls ballistische Versuche anstellen.

Montag, 22. Mai 2000

Ruhetag im Medical Camp
Von der Höhe her (4350 m) ist die Übernachtung kein Problem, aber der Komfort unseres Zelt-Stellplatzes läßt zu wünschen übrig. Heute ist aber sowieso Ruhetag. Erstens sollten wir uns besser häuslich einrichten, zweitens war es gestern ziemlich anstrengend.
Morgens ist es hier kalt, -25°C. Den Tag über gibt es den anscheinend üblichen Sonne-Wolken-Mix, durch den unser Zelt auch erst spät Sonne bekommt. Vorher ist jede Bewegung riskant, weil dann das gefrorene Kondenswasser wie Schnee auf einen niederrieselt. Überhaupt ist es mit den ganzen Essensvorräten im Zelt recht eng.
Die Wärmekapazität einer Thunfischdose ist übrigens gewaltig: Wir brauchen den ganzen Tag im Schlafsack oder in der Kleidung, bis sie etwas gefügiger wird. Endgültiger Erfolg ist uns erst mit Wasserbad beschieden - aber was Ordentliches zu essen unter all dem Pulverzeugs ist gar nicht hoch genug einzuschätzen. Cracker mit Thunfisch und Mayonnaise geben kalorienmäßig wenigstens was her, und auch die Salami und der Käse aus dem Supermarkt in Anchorage sind gern gesehene Ergänzungen unserer langweiligen Kost.

Dienstag, 23. Mai 2000

Medical Camp - West Buttress - High Camp
Im Medical Camp ist der Morgen ziemlich neblig. Der Wetterbericht bei den Rangers klingt dagegen vielversprechend: heute wolkig mit Sonne, morgen oberhalb 17000 ft sonnig. So machen wir uns um zwölf mit dem kleinen Hochlagerzelt und allem, was man zum Übernachten und für den Gipfel braucht, auf den Weg.
Die ersten 400 Höhenmeter geht es einen etwa 30° geneigten Hang hoch, die restlichen 200 m sind steiler (45°), mit nur wenig Schnee auf dem blanken Eis, aber zum Glück mit Fixseilen versehen. Trotzdem zieht sich dieses Stück endlos; die warmen Bergschuhe sind nicht für ausgiebiges Steigeisengehen ausgelegt, so dass man mit der Zeit sehr unbequem darin steht.
Um vier Uhr ist der Grat der West Buttress auf 4930 m erreicht. Die Route verläuft meist links des Grates vollständig im Schnee bzw. Firn, wenn auch einzelne Passagen etwas ausgesetzt sind. Obwohl es nur 300 Höhenmeter sind, kostet uns dieses Stück noch über zwei Stunden, bis wir im High Camp auf 5230 m unser Zelt in einem unbenutzten Stellplatz aufstellen können. Sonst wären mit dem Bau der Schneemauern noch ein paar Stunden draufgegangen.
Abends wird es schnell sehr kalt (-30°), nachdem die Sonne hinterm Berg verschwunden ist.
Auf der West Buttress
Auf der West Buttress

Unser Hochlager auf 5200 m
Unser Hochlager auf 5200 m
Aussicht zum Mount Foraker
Aussicht zum Mount Foraker

Mittwoch, 24. Mai 2000

Ruhetag im High Camp
Den gestrigen Wetterbericht hätten sich die Ranger sparen können. Nichts als weiße Suppe draußen, dazu ein böiger Wind. Keine guten Voraussetzungen, die Route zum Gipfel - und auch wieder zurück - zu finden.
In dem kleinen Zelt und in der kalten Umgebung ist ein Ruhetag noch weniger erholsam als im Medical Camp. Mittlerweile ist fast alles nass geworden, sei es durch Kondenswasser, das vormittags alles volltropft, sei es durch Schnee, der beim Ein- und Aussteigen ins Zelt kommt. Die Sachen raustun zum Trocknen geht ja nicht, da schneit gleich alles voll.
Was also tun - absteigen, im Medical Camp erholen und es eventuell in ein paar Tagen nochmal versuchen, oder hier oben in Enge, Kälte und Schnee ausharren? Nach langem Hin und Her siegt Letzteres. Morgen geben wir den Berg noch eine Chance, sich uns von einer besseren Seite zu zeigen.
Am Nachmittag besucht uns ein Spanier, der gestern auf dem Gipfel war, und überlässt uns sein überzähliges Essen. Kann man ja vielleicht ganz gut gebrauchen, aber den Müll hätte er vorher ruhig herausnehmen können.
Spät abends, um halb zwölf, können wir erstmals den Denali im Abendrot bewundern. Die Wolken sind verschwunden.
Spaet abends im Hochlager
Spät abends im Hochlager

Donnerstag, 25. Mai 2000

High Camp - Denali und zurück
Immer noch keine Wolken, und es ist sogar windstill. Morgens um halb acht bekommt unser Zelt Sonne, um acht gehen wir los. Das Gepäck ist so minimal wir möglich, die Kleidung so dick wie selten zuvor. Der erste Teil des Weges führt zwei Stunden lang durch einen Schattenhang zum Denali Pass. Nicht nur, dass man beim Umgehen von Séracs und Spalten oft deutlich steiler steigen muss als die durchschnittlichen 35° Hangneigung - hier ist es mit -35°C auch sehr unangenehm kalt. Mann merkt das deutlich, wenn man versehentlich mit der Zunge an den gefrorenen Bart gekommen ist.
Am Denali Pass (5560 m) in der Sonne folgt daher erst mal ein längeres Füße-Auftauen. Freundlicherweise geht es nun auch in der Sonne weiter. Meist relativ flach folgt man den Hängen auf den Erzdekan-Turm zu, um dann rechts von diesem einen kleinen Sattel (5960 m) zu überschreiten. (Einer der Erstbesteiger des Denali war der Erzdekan von Alaska.) Nach kurzem Abstieg gelangt man auf das ziemlich langweilige Football Field. Die üblichen Nachmittagswolken haben der Aussicht inzwischen den Garaus gemacht.
Endlich Sonne
Endlich Sonne

Meine Kondition macht mir mittlerweile zu schaffen; Claudia geht schon mal vor. Für den Fall, dass ich umdrehen müsste, wäre dann wenigstens einer oben gewesen. Nachdem ich mich einen letzten Steilhang hochgearbeitet habe, gelange ich um kurz vor halb vier an den Beginn des Gipfelgrats, wo schon eine ganze Menge Leute stehen.
Nach der Begutachtung des ersten Grathöckers geselle ich mich auch zu ihnen und definiere den Gipfel als praktisch erreicht. Das ist also der Denali, 6193 m, Nordamerikas höchster Berg. Leider sieht man nur einen 20 m große Ausschnitt von Nordamerika.
Der eigentliche Gipfel ist etwa 30 Meter höher, aber der Schneegrat dorthin ist ein aberwitzig scharfes Gebilde, auf das man teilweise gerade einen Fuß setzen kann; beidseitig geht es stramm abwärts ins Nichts. Außerdem hat man sowieso keine Aussicht. So ist für die meisten der Berg am Kahiltna Horn bestiegen. Das ist übrigens etwas höher als in der Karte angegeben, denn der Hauptgipfel ist definitiv keine 60 Meter höher.
Nach einer Viertelstunde kommt Claudia vom Hauptgipfel aus dem Nebel balanciert. Da an Aussicht weiterhin nicht allzuviel geboten ist, machen wir uns bald auf den Rückweg. Immerhin haben wir während des Aufstiegs ganz gut in die weite Umgebung schauen können.
Auf dem Vorgipfel
Auf dem Vorgipfel

Die zwanzig Meter Gegensteigung hinter dem Football Field sind natürlich ein ganz besonderes Vergnügen. Dafür liegt der Hang unterhalb des Denali Pass nun in der (allerdings recht trüben) Sonne und ist mit der gegebenen Vorsicht kein sonderliches Hindernis mehr. Wohl aber die nochmal zwanzig Meter Gegensteigung aus der Gletschermulde zu unserem Zeltplatz. Um kurz nach sechs sind wir wieder in unserem "Mini-Zuhause".
Bei der kasachischen Seven-Summits-Expedition, die heute auch am Gipfel war, ist übrigens Juri dabei, den wir vom Khan Tengri her kennen.

Freitag, 26. Mai 2000

High Camp - Medical Camp
Auch wenn es wahrscheinlich sehr mühsam geworden wäre, wäre es die bessere Entscheidung gewesen, gestern abend noch bis ins Medical Camp abzusteigen. Heute morgen gibt es nämlich keine trübe Sonne, sondern weißes Allerlei mit stürmischen Böen, die am Zelt rütteln. Die ausgesetzte West Buttress mit dem ganzen Gepäck bei Sturm abzusteigen, ist kein sehr motivierender Gedanke. Also warten wir ab - meistens hat sich in der letzten Zeit das Wetter am Nachmittag geändert. Vielleicht wird's heute mittag wieder besser.
Tatsächlich werden die Böen schwächer, und gegen zwei Uhr bricht die Sonne durch. So verschneit und vereist, wie Zelt, Schlafsäcke und fast alles Andere sind, dauert das Einpacken eine ganze Weile. Inzwischen hat der Wind wieder aufgefrischt, kommt nun aber aus Norden - zum ersten Mal, seit wir hier sind.
Der Weg über den Grat ist kein ernsthaftes Problem; die Kälte und der beißende Wind sind lästig, aber an den ausgesetzten Stellen kann man die Balance gut halten. Dafür haben wir eine gute Aussicht auf die umliegende Landschaft, die uns bisher ja kaum vergönnt gewesen war. Mount Hunter läßt seinen Doppelgipfel sehen, der ewig lange Kahiltnagletscher liegt uns zu Füßen, und im Norden kann man das Hügelland Zentralalaskas erahnen.
Rueckweg ueber die West Buttress - endlich sieht man mal was.
Rückweg über die West Buttress - endlich sieht man mal was.

Nach zwei Stunden sind wir wieder an unserem kleinen Grundstückchen am Rande von McKinley City.

Samstag, 27. Mai 2000

Medical Camp - Basislager
Im Medical Camp
Im Medical Camp

Richtig gemütlich ist's im geräumigen Zelt, und hier unten hat es deutlich mehr Luft und dafür weniger Kälte. Faul wie wir sind, warten wir mit dem Aufstehen auf die Sonne, die hier so gegen neun Uhr kommt. Gleich beim Frühstück ein grober Verstoß gegen die Denali-Benimmregeln: Brot sollte man nicht ohne Unterlage auf den Schlafsack legen. Es friert nämlich fest.
Der fast wolkenlose Himmel erlaubt uns zum ersten Mal, die ganze weite Aussicht vom Medical Camp aus zu sehen. Das Ausmaß der Vergletscherung ist beeindruckend, man sieht bis zum Horizont nur weiße Gipfel.
Kurz nach zwölf machen wir uns mit unserem ganzen Zeugs auf den Weg in Richtung Basislager/"Flugplatz". Bis zum Lager 11000' mit vollgepacktem Rucksack und einem Schlitten; dort nehmen wir unsere Ski und die dort gelagerte Ausrüstung auf.
Im Vergleich zu vor knapp zwei Wochen sind hier mittlerweile unübersehbare Menschenmassen bergwärts unterwegs. Ob die richtige Saison erst jetzt beginnt? Oder ob das mit dem Wetter vielleicht sowieso keiner so genau voraussagen kann?
Für den Weiterweg hat jetzt jeder von uns beiden einen Schlitten; der Versuch, damit den steilen Hang mit Ski zu überwinden, scheitert schnell und kläglich. Der Schlitten will nämlich immer woandershin, überholt einen und bringt das - mit dem schweren Rucksack ohnehin schon labile - Gleichgewicht sofort aus dem Ruder.
Auch zu Fuß ist's nicht besonders leicht, denn die Spur ist in dieser Gegend miserabel, es muss die letzten Tage hier viel geschneit haben. Als es auf dem Kahiltna-Gletscher wieder flacher wird, fällt mir ein Tipp ein, den mir ein amerikanischer Bergführer gegeben hatte: Wenn man Reepschnur quer über die Lauffläche des Schlittens bindet, wird er langsamer. Das funktioniert dann auch tatsächlich, der Schlitten bleibt sogar den relativ steilen Ski Hill hinunter beherrschbar.
Auch wenn die Aussicht bei dem schönen Wetter nett ist, bleibt es doch eine weite Strecke, bis nach 22 km die Abzweigung des Southeast Fork Kahiltna Glacier erreicht ist. Und da fängt das Elend erst richtig an: Der Heartbreak Hill, die 150 Höhenmeter Gegenanstieg den Seitengletscher hoch bis zum Basislager. Anderthalb endlose Stunden. Um kurz nach acht kommen wir an, werden gleich begrüßt, eingewiesen und zum Abendessen bei Basislager-Chefin Annie eingeladen. Mit uns auch zwei Alaskaner und zwei Australier, die ebenfalls gerade vom Medical Camp gekommen sind. So müssen wir unseren Kocher nicht lange plagen, und man hört so manche interessanten Geschichten. Zum Beispiel die von dem Bergsteiger, der beim Abstieg vom Hochlager sein übriges Benzin (das will ja keiner mehr den Berg runtertragen, wenn er's sowieso nicht mehr braucht) nur gegen die gleiche Menge frisch gepressten Orangensafts abgeben wollte. Saft aus Konzentrat soll er abgelehnt haben, und so hat er sein Benzin wieder runtergetragen.
Mount Hunter, kurz vor Mitternacht
Mount Hunter, kurz vor Mitternacht

Sonntag, 28. Mai 2000

Basislager - Talkeetna (Flug)
Wir kommen morgens mit dem allerersten Flugzeug aus dem Basislager heraus. Bei schönstem Wetter ist der Flug durch die Gletscherlandschaft, oft knapp über die Grate hinweg, ein tolles Erlebnis.
In Talkeetna ist es jetzt richtig warm. Nach der Abmeldung in der Ranger-Station1 verwandeln wir das Bunkhouse der Fluggesellschaft in ein Schlachtfeld, denn der ganze nasse Kram (und nass oder gefroren ist praktisch alles) muss erst mal auf die Leine.
Abends gibt's ein ordentliches Steak und - nach längerer Askese - auch ein, zwei gute Bierchen im "West Rib". Daneben auch das eine oder andere Amerika-typische Erlebnis: Getränkeautomaten können einfach nicht zählen, oder sie fressen absichtlich Münzen, und das Telefonieren mit Münzen nach Hause ist eine Frechheit. Nachdem der Operator mir mitgeteilt hat, dass er für ein Gespräch nach Germany unverschämte acht Dollar haben will, hätte er mir den somit umsonst eingeworfenen Quarter ja ruhig wieder zurückgeben können. Wahrscheinlich müsste ich da vor irgendeinem Gericht wegen seelischer Härte und sonstiger Grausamkeit gegenüber ausländischen Gästen klagen.
Mit Telefonkarte wäre es übrigens wesentlich billiger, aber wir waren bis jetzt nicht dazu gekommen, eine zu kaufen.

1 Die Erfolgsquote dieser Saison am Denali steht erst bei 21%, können wir dort nachlesen.

Sonnenuntergang hinter dem Mount Foraker; rechts Hunter und Denali.
Sonnenuntergang hinter dem Mount Foraker; rechts Hunter und Denali.

Montag, 29. Mai 2000

Talkeetna - Anchorage (Bus)
Ausgeschlafen, Wäsche gewaschen, die Aussicht auf Mt. Foraker, Mt. Hunter und Denali (immerhin 100 km entfernt) genossen. In Talkeetna ist jetzt immer mehr los, reisebusweise rücken Touristen an. Wobei absolut schleierhaft bleibt, was dieses Dorf mitten im Sumpfland für eine Attraktion zu bieten hat, außer dass man - also wir beispielsweise - von hier ins Basislager am Denali fliegt und es auch Sightseeing-Rundflüge gibt. Letztere sind aber für die Flugunternehmer finanziell weniger lohnend als die Bergsteiger2.
Fragt sich also, was tun all die Leute hier? Anscheinend tatsächlich nur hinfahren, Souvenirs kaufen und wieder zurückfahren.
Der Shuttle-Bus holt uns pünktlich nachmittags um vier ab, und um halb sieben sind wir wieder in Anchorage.

2Um ein Flugzeug voll zu bekommen, braucht man nur zwei bis drei Bergsteiger, denn den Rest des Platzes braucht ja die Ausrüstung. Unbepackte Touristen sind dagegen vier oder fünf nötig. Zu den Preisen siehe Info-Seite.
Damit ist die eigentliche Denali-Expedition zu Ende.
Da wir aber vier Wochen eingeplant hatten, fliegen wir jetzt natürlich nicht gleich nach Hause, sondern schauen uns noch ein bisschen das Land an. Die alpinistischen Gesichtspunkte reduzieren sich dabei zwar auf Wanderungen, aber langweilig sollte es trotzdem nicht werden.
Inhalt des zweiten Teils:
Radtour von Anchorage nach Seward · Wale und anderes Getier um Seward · Bahnfahrt zurück nach Anchorage · Denali-Nationalpark · Dalton-Highway von Fairbanks bis jenseits des Polarkreises (allerdings mit Mietwagen) · zurück über Delta und Glennallen nach Anchorage
2. Teil
Zum zweiten Teil

Sie können den gesamten Denali/Alaska-Bericht, also beide Tagebuch-Teile und beide Info-Seiten, als Adobe Acrobat PDF-Datei (39 Seiten, 221 kB) laden (allerdings ohne Bilder).
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Hartmut Bielefeldt
Sonnhalde 8
D-88699 Frickingen
© 2000 Hartmut Bielefeldt

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Letzte Änderung am 23. August 2000 durch Hartmut Bielefeldt